Aschereide

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Prolog

 

Gelassen streckte Term die rechte Hand aus, so als würde er etwas in Empfang nehmen.

Übergangslos entstand aus dem Nichts ein winziger Punkt, der über seinen Fingerspitzen schwebte und von einer Schwärze war, die alles Licht zu schlucken schien. Langsam dehnte sich das Gebilde aus und schwoll zu einer Kugel an, die wie ein herausgeschälter Teil der absoluten Finsternis wirkte.

+Bist du stark genug?+ wisperte die Stimme des Partners im Bewusstsein des TRÄGERS.

+Stark genug für dich!+ gab der Diener gemäß dem festgesetzten Ritus zurück.

Als Antwort schwebte das auf Faustgröße angewachsenen Gebilde in die ausgestreckte Hand des Mannes.

Er umfasste die Kugel und wurde innerhalb eines Augenblickes zu einem dunklen, dreidimensionalen Schatten.

Die Liaison war erfolgt, keine Sekunde zu früh...

 

 

1. Kapitel


 

Denara saß auf dem wackligen Hocker vor ihrer Holzhütte, die auf einer leichten Anhöhe stand und blickte auf die Große Ebene hinab.

Ihr rechtes Auge, das vor einiger Zeit durch den grauen Star erblindet war, triefte fortwährend und zwang die Alte dazu, sich von Zeit zu Zeit mit einer schon automatisch gewordenen Bewegung die Tränen aus dem verrunzeltem Gesicht zu wischen.

Denara lebte schon fast eine Dekade hier und wurde von den Bewohnern Da`Landres versorgt, denen sie lange Zeit mit ihren Gaben als Heilerin gedient hatte.

Wohlig ließ sie sich von den Strahlen der untergehenden Sonne wärmen und beobachtete schläfrig einen Sumner, der sich auf ihrer linken Hand niedergelassen hatte.

Während der Heißen Zeit kamen diese Stachel bewehrten Insekten von der Großen Ebene nach Da`Landre und machten den Mehahnahala, kurz `hala genannt, das Leben schwer.

Für den Bruchteil einer Sekunde weiteten sich die Pupillen der Alten derart, dass die Iris und das Weiße nicht mehr zu sehen waren.

Im selben Moment fiel der Sumner, den sie mit einem Wunsch getötet hatte, leblos von ihrer knotigen Hand zu Boden.

Noch vor wenigen Jahren konnten sich diese Plagegeister der Heilerin nicht mehr als drei Fuß nähern, ohne zu verbrennen.

Dies war die Wirkung eines Wunsches gewesen, den sie in ihrer Jugend nach einem Insektenstich wutentbrannt formulierte.

Denara hatte früher über mächtige Gaben verfügt, doch als sie alt wurde, ließen diese immer mehr nach. Schließlich war sie nicht einmal mehr in der Lage gewesen, sich selbst zu helfen, als der graue Star und die Gicht ihr zusetzten.

Zuletzt war die Heilerin immer eigenwilliger geworden. Nachdem sie wegen ihres zänkischen Wesens, das von den Gebrechen rührte, dauernd mit den Bewohnern von Da`Landre in Streit geriet, wählte sie das Eremitendasein am Rande der Großen Ebene.

Die Greisin seufzte resignierend, als sie daran dachte, wie schwach ihre Kräfte geworden waren.

Im Alter von 15 Jahren hatte sie mit ihren Gaben einen betrunkenen Reiser getötet, der ihr ans Mieder wollte, als sie ihm in der Herberge ihres Vaters das Zimmer bereitete.

Noch heute spürte Denara den unbändigen Zorn, der sie damals packte, als der Mann mit Gewalt in sie eindringen wollte. Wie einen Peitschenhieb hatte sie ihm ihre Wut entgegengeschleudert, verpackt in dem Wunsch, er möge sterben.

Es hatte einiger Tage bedurft, das Zimmer wieder bewohnbar zu machen, da der Wunsch den Reiser zerfetzte, als hätte ihn ein Riese wie ein Stück Stoff zerrissen.

Nun reichte ihre Kraft gerade noch dazu aus, sich einzelner Insekten zu erwehren, die sie sekierten.

Ächzend stand das greise Weib auf, als der junge Senar, Sohn des Schmiedes Ker kam, um ihr das Essen zu bringen. Die Bewohner des Dorfes versorgten ihre Heilerinnen bis zu deren Tod, so war es immer schon gewesen.

"Du bist spät dran, Rotzjunge!" keifte sie und schlurfte zum Eingang ihrer Hütte.

"Auch nicht später als sonst, Amme Denara", behauptete Senar, "es kommt dir nur so vor, weil dir langweilig ist".

Die Greisin bedachte den Halbwüchsigen mit einem giftigen Blick aus ihrem gesunden Auge und keifte: "Es wäre klüger gewesen, ich hätte deinen Vater bei seiner Geburt verrecken lassen, dann müsste ich mich heute nicht mit dir herumärgern!"

Senar grinste, weil er wusste, dass es die Alte nicht so meinte und ging mit ihr in die Hütte.

Mühevoll kaute Denara auf dem Brot herum, das der Junge ihr gebracht hatte und verwünschte die Tatsache, dass sie nur noch drei Zähne besaß.

"Bald wirst du nur noch Getreidebrei verzehren können", prophezeite ihr der Sohn des Schmiedes mit schelmischen Grinsen, was  die Greisin dazu veranlasste, sich auszumalen, welche Torturen sie dem Rotzbengel angedeihen lassen würde, wenn sie noch über ihre alte Kraft verfügt hätte.

Finster musterte sie ihn, doch schon nach kurzer Zeit besiegte die Neugierde ihren Groll.

"Was gibt es neues im Dorf?" fragte die Alte wie jeden Tag, wobei man sie noch schlechter als sonst verstand, da sie mit vollem Mund redete.

Mit leichtem Ekel schaute Senar zu, wie dem Weib einige durchgekaute Brotkrumen aus dem Mund fielen und auf dem Tisch landeten.

"Was gibt es neues im Dorf?" wiederholte Denara, da sie annahm, der Junge hätte sie beim ersten Mal nicht verstanden.

Anders als sonst, wo der Halbwüchsige auf diese Frage nur mit den Schultern zuckte, meinte er heute: "Keliath sagt, die Zeit für die Suche nach den Aschereide werde bald kommen."

Keliath war einer der vier Informierten. Die Bewohner von Da` Landre waren sehr stolz darauf, dass er aus ihrem Dorf stammte.

Denara hob interessiert die Brauen und ermunterte den Sohn des Schmiedes dadurch, weiter zusprechen.

"Er meint, alles deute darauf hin, dass die Heimsuchung kurz bevorsteht."

Nachdenklich lehnte sich die Heilerin zurück. Sie wusste um die Alten Schriften, die in der Großen Bibliothek in Grat`Hala aufbewahrt wurden und in denen von einer Heimsuchung die Rede war. Diese Aufzeichnungen existierten schon mehr als 1500 Jahre und stammten aus der Unerklärlichen Zeit, über die kaum etwas bekannt war.

Es hieß, dass die `hala damals anders gelebt hatten und viele seltsame Dinge besaßen.

"Wie kommt er darauf?" fragte die Alte.

"Keine Ahnung," entgegnete Senar achselzuckend, "aber ich weiß noch etwas, das dich bestimmt interessiert..."

Der Junge machte eine Kunstpause, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und genoß sichtlich den gespannten Gesichtsausdruck der Greisin.

"Nun rede schon!" keifte die Alte ungeduldig.

"Es findet bald eine Zusammenkunft der Informierten in Grat`Hala statt."

Zufrieden registrierte der Halbwüchsige, dass sich Denaras Augen erstaunt weiteten. Gewöhnlich trafen sich die Erhabenen nur, wenn es galt, einen aus ihrer Mitte zu ersetzen.

Dies war dann der Fall, wenn einer der vier gestorben oder seine Kraft so geschwunden war, dass er vom Schrein nicht mehr akzeptiert wurde.

"Wird einer ausgewechselt?"

"Nein. Du weißt doch dass Keliath, der älteste von ihnen, erst knapp über Hundert ist. Da wird es sicher noch einige Jahre dauern, bis seine Gaben nachlassen", belehrte sie Senar altklug und fuhr in verschwörerischem Tonfall fort:

"Sie kommen wegen der Heimsuchung zusammen. Du wirst sehen, sie steht kurz bevor, die Alten Schriften lügen nicht."

"Die Alten Schriften!" schnaubte die Heilerin verächtlich,

"Sie bestehen fast ausschließlich aus dummen Gewäsch, das den Informierten seit 1300 Jahren dazu dient, die `hala bei der Stange zu halten."

"So darfst du nicht reden, Denara", tadelte sie der Junge, "das ist Frevel!" 

"Frevel? Das ist die Wahrheit! Und die haben diese so genannten Informierten beileibe nicht für sich alleine gepachtet!" schnappte die Greisin.

Der Sohn des Schmiedes verzog das Gesicht, weil er wie jeder `hala die Verehrung für die Elite seines Volkes schon mit der Muttermilch aufgesogen hatte.

"Ich geh' jetzt lieber, Amme Denara, bis morgen", versetzte er deshalb in beleidigtem Tonfall und trat zur Türe hinaus.

Die Alte schien ihn nicht mehr wahrzunehmen. Einige Zeit saß sie zusammengesunken auf dem Stuhl am Küchentisch und starrte ins Leere. Plötzlich straffte sich der von der Last der Jahre gebeugte Körper der Greisin.

"Es stimmt", murmelte sie. "Die Alten Schriften lügen nicht. Die Heimsuchung wird kommen und das wird schneller geschehen als diese Narren ihre Zusammenkunft einberufen können".

Mühsam erhob sich Denara und ging wieder vor die Hütte, wo die Sonne allmählich auf der anderen Seite der Großen Ebene unterging.

Fröstelnd starrte sie auf die riesige, von Wiesen und Bäumen bewachsene Fläche hinab und zog die Lumpen, die sie trug, enger um ihren ausgemergelten Körper.

Trotz der Heißen Zeit fror die alte Heilerin, als sie daran dachte, was ihrem Volk bevorstand.

 

 

*

 

"Heute hast du es aber nicht lange bei ihr ausgehalten", stellte Ker schmunzelnd fest, als sein Sprössling die Schmiede betrat.

Dieser betrachtete stolz den von Schweiß glänzenden, Muskel bepackten Oberkörper seines Vaters, der gerade ein Eisen für ein Wagenrad schmiedete.

"Sie war heute wieder reichlich übellaunig, außerdem vertrage ich es nicht, dass sie ständig gegen die Erhabenen wettert", murrte der Junge.

"Tja, es ärgert die Alte wohl immer noch, dass die Informierten sie nicht in ihren Kreis aufgenommen haben", vermutete Ker, während er den Blasebalg betätigte, so dass das Feuer in der Esse hell aufloderte.

"Denara als Informierte?" Der Junge schüttete sich aus vor Lachen, als er sich das zahnlückige Weib in dieser Würde vorstellte.

"Das war nur Spaß, oder?" meinte er dann, nachdem er sich wieder beruhigt hatte.

"Nein, keineswegs. Ich wette sogar, dass sie alle in den Schatten

gestellt hätte, damals, als sie noch jung war. Aber eine Frau im Kreis der Erhabenen, das ist undenkbar!" erklärte Ker und hieb wieder kräftig auf das glühende Eisen.

"Warum ist das undenkbar, Vater?" 

Der Schmied hörte auf das Eisen zu malträtieren und sah seinen Sohn überrascht an.

"Na ja, es geht einfach nicht", meinte er, schaute noch einen Moment nachdenklich, zuckte dann mit den Schultern und hieb erneut auf das glühende Eisen ein.

"Und was ist mit Era, wäre sie nicht geeignet für dieses Amt?" erkundigte sich Senar unschuldig.

Der Schmied fuhr zusammen und schlug daneben, wobei ihm beinahe der Hammer aus der Hand gefallen wäre.

"Willst du mich auf den Arm nehmen, du Rotzbengel? Drohend ging der schweißglänzende Hüne einen Schritt auf seinen Sohn zu.

Senar hatte keine Angst, da er wusste, dass sein Vater ihn nie züchtigen würde.

"Ich meine ja nur, weil bei ihr die Gaben besonders ausgeprägt sind. Ich kenne weit und breit niemanden, der so damit gesegnet ist wie sie."

"Bei Era zweifle ich daran, dass es ein Segen ist, dass sie die

Gaben besitzt", polterte der Schmied.

Der Junge grinste, als er daran denken musste, wie Era mit einem Wunsch dem Bäcker Regah zwei Tage das Urinieren unterbunden hatte, als er sie beim beim Stehlen erwischte und ihr deshalb mit dem Lederriemen eins überzog.

"Sie kann ihre Abstammung von dem alten Ekel Denara eben nicht verleugnen", stellte der Halbwüchsige ironisch fest.

"So ist es auch wieder nicht!" wies Ker seinen Sohn zurecht.

"Denara hat viel für uns getan und niemand hätte von ihr verlangt, Da`Landre zu verlassen, als ihre Gaben schwanden und sie wunderlich wurde."

"Ist schon gut, Vater, so war's nicht gemeint!" lenkte Senar ein, während er zusah, die Schmiede wieder zu verlassen, ehe seinem Erzeuger noch eine Arbeit für ihn einfallen konnte.

"Ich geh nach draußen", rief er Ker noch zu und huschte flugs durch die Tür ins Freie.

"Oh, hallo Era!" stammelte der Junge überrascht, als er vor der Schmiede beinahe mit einem schlacksigen, schwarzhaarigen Mädchen zusammengestoßen wäre.

"Oh, hallo Senar!" äffte sie ihn nach, wobei ihre dunklen Augen zornig funkelten.

"Ähem, wie geht es dir?" fragte der Sohn des Schmiedes das etwa 16jährige Mädchen verlegen.

"Weißt du, ich habe Ohrensausen, das kriege ich jedes mal, wenn schlecht über mich gesprochen wird", meinte sie und schob ihr Kinn angriffslustig vor.

Betreten senkte der Junge den Kopf und schielte auf die Füße des Mädchens, die vor Dreck starrten.

Auch ansonsten war Era keine gepflegte Erscheinung. Sie trug ein abgerissenes Leinenkleid, dessen ursprüngliche Farbe kaum mehr zu erahnen war. Die langen Haare fielen zottelig über ihre Schultern und einen Teil des durchaus hübschen Gesichts, das allerdings Wasser und Seife vertragen hätte.

"Wie meinst du das?" fragte Senar unbehaglich.

Era sah ihm ins Gesicht und der Zorn, der eben noch in ihren Augen stand, verflog.

Sie versetzte ihrem Gefährten einen freundschaftlichen Stoß vor die Brust und meinte: "Spiel nicht das Unschuldslamm, Alter!"

"Meinst du vielleicht das, weil ich gesagt habe, du könntest deine Abstammung von Denara nicht verleugnen?", erkundigte sich der Junge mit geheucheltem Erstaunen.

"Siehst du, jetzt kommen wir der Sache schon näher", stellte  

seine Freundin im Tonfall eines Beauftragten fest, der gerade einen Dieb verhört.

"Ach, das war doch nicht so gemeint, das weißt du doch!"

"Schon vergessen", erklärte sie großmütig, während sich Senar unbehaglich umschaute. Er hatte Angst, dass sein Vater ihn mit Era sah, da dieser ihm den Umgang mit dem Mädchen untersagt hatte.

Da die Luft rein war, gingen sie gemächlich die staubige Dorfstraße hinunter.

"Wie geht's denn dem alten Miststück?"

"Du solltest nicht so über Denara reden, schließlich ist sie deine Urgroßmutter!" tadelte sie Senar.

"Ich kann sie nicht ausstehen!" presste Era zwischen den Zähnen hervor. Für einen kleinen Moment wurden ihre Pupillen so weit, dass die Iris und das Weiße nicht mehr zu sehen waren. Ein zotteliger Hund, der am Straßenrand gedöst hatte, ergriff aufjaulend die Flucht, als ihm das Mädchen mit einem Wunsch Schmerzen zugefügte, um ihrem Zorn ein Ventil zu schaffen.

Senar wusste, dass seine Freundin zwölf Jahre ihres Lebens bei der Alten verbracht hatte.

Eras Mutter hatte das Kind, als es ein gutes Jahr war, vor Denaras Hütte gelegt und war mit einem wohlhabenden Reiser, der einige Tage in Da`Landre seine Waren verkauft hatte, auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Die Alte gab sich damals redlich Mühe, das Kind gut aufzuziehen, aber es hatte auch viel unter der zänkischen Art ihrer Urgroßmutter zu leiden.

"Das alte Miststück konnte es nie verwinden, dass ich die Gaben

erbte, die meiner Mutter und deren Mutter versagt blieben.

Außerdem wurmte es sie, dass sie bei mir immer stärker wurden, während sie bei ihr schwanden", wetterte Era.

Senar nickte nur, er hatte diese Beschwerden schon ein dutzend mal von dem Mädchen gehört.

"Dein Vater hat dir den Umgang mit mir verboten, nicht wahr?"

fragte sie plötzlich.

Der Junge errötete und suchte fieberhaft nach Ausflüchten um sich um eine Antwort zu drücken.

"Ich habe dich etwas gefragt, Alter!" Era blieb stehen und sah Senar ins Gesicht.

"Äh, nicht direkt," druckste der Sohn des Schmiedes herum, "es ist nur so, dass er es nicht gerne sieht, wenn wir zusammen sind."

Era senkte für ein paar Sekunden ihren Blick und biss sich auf die Unterlippe. Als sie dann ihren Gefährten wieder ansah, glänzten ihre Augen feucht und eine Träne lief über das schmutzige Gesicht.

Senar musterte seine Freundin überrascht, da er sie noch nie weinen sah. Er kannte sie als hart zu sich selbst und dickhäutig. Ihr übler Ruf störte sie ebenso wenig wie die dauernden

Schikanen des Lehrers Targat, dem sie für Unterkunft und Essen den Haushalt bestellte.

Eine Welle der Zuneigung überflutete den Jungen, er umarmte das schmuddelige Mädchen und drückte es an sich, den strengen Geruch, der von ihr ausging, ignorierend.

"Was ist mit dir?" fragte er sanft.

"Du bist der einzige, mit dem ich gerne zusammen bin und der mich versteht. Ich könnte es nicht verwinden, wenn wir uns nicht mehr treffen könnten!"

Egal wie sein Vater dazu stand, Senar würde seine Gefährtin nie im Stich lassen, das schwor er sich in diesem Moment.

"Werd' nicht sentimental!" schnauzte er das Mädchen mit belegter Stimme an, knuffte sie heftig in die Rippen und lief davon.

"Wenn ich dich kriege, kannst du was erleben!" kreischte Era und rannte ihm nach, während sie glücklich über das ganze Gesicht strahlte, da sie seine Gedanken gelesen hatte.

 

*

 

Vier Monate später hatte sich der Informierte Keliath als erster der vier Erhabenen in Grat`Hala zur Zusammenkunft eingefunden. Er war der älteste von ihnen. Einige Jahre noch, dann würden seine Gaben nachlassen und ein anderer seine Stelle einnehmen.

Keliaht unterbrach seine Wanderung durch das Zimmer, das ihm der hiesige Beauftragte auf der Festung zur Verfügung gestellt hatte und blickte durch das geöffnete Fenster auf die Stadt hinab.

Die schwarzen Schindeln der Dächer und die massive, dicht gedrängte Bauweise mit den schmalen Straßen und Gassen verliehen der Hauptstadt des Landes Grenn etwas Düsteres.

Nachdenklich musterte der Mächtige die hohe Stadtmauer, die mit Bogenschützen und Schwertkämpfern besetzt war und fragte sich, ob sie tatsächlich Schutz gegen die Heimsuchung bieten würde, wie ihre Erbauer vor über tausend Jahren gehofft hatten.

Wieder ging Keliath ruhelos auf und ab und verfluchte seine Ungeduld, die es ihm schwer machte, die Zeit bis zum Eintreffen von Begron und Machal in Gelassenheit zu verbringen.

"Tretet ein, Beauftragter Raan!" murmelte der Erhabene beiläufig, gerade laut genug, dass der Mann vor der Türe, der eben klopfen wollte, es hören konnte.

Der Beauftragte für Grat`Hala wirkte befangen, als er den Raum betrat. Raan war groß, breitschultrig und hatte viele sportliche Wettkämpfe gewonnen, bevor er von den Informierten als hiesiger Stadthalter auserkoren worden war.

Respektvoll schaute der Athlet auf den kleinen, dickbauchigen Mann herab und fragte sich, warum die Natur einen so herausragenden Intellekt in einen solchen Körper steckte.

"Ist die Unterbringung zu Eurer Zufriedenheit, Erhabener?"

"Das ist nicht so wichtig, Beauftragter. Habt Ihr die nötigen Vorbereitungen für unsere Reise zum Schrein getroffen?"

"Natürlich, Erhabener, ich habe alles veranlasst!" versicherte der Angesprochene eilfertig und fuhr dann fort:

"Ist etwas Wahres an den Gerüchten, dass die Heimsuchung bevorstehen soll?"

Keliath musterte sein Gegenüber einige Sekunden. Er musste den Kopf tief in den Nacken legen, um dem hoch gewachsenen Mann ins Gesicht sehen zu können.

Raan merkte, wie ihm der Schweiß den Rücken herunter lief. Er fragte sich, ob er mit seiner Neugierde zu weit gegangen war.

Schließlich bequemte sich der Erhabene doch zu einer Antwort.

"Der Schrein, unser Immerwährender Beschützer, hat uns wissen lassen, dass es notwenig ist, dass wir ihn aufsuchen. Er meinte, an der Struktur werde manipuliert, was immer das auch heißen mag. Er teilte uns auch mit, dass SIE bald eintreffen werden."

"Wer trifft ein?"

"Wir haben keine Ahnung," bekannte Keliath. "Manchmal ist das, was uns der Immerwährende Beschützer mitteilt, schwer zu verstehen."

Raan war verblüfft, ein solches Geständnis aus dem Mund eines so mächtigen Mannes zu hören.

Für einige Sekunden wirkte der dickbauchige Mann geistesabwesend, dann sprach er weiter. "Die Informierten Begron und Machal sind soeben in Grat`Hala eingetroffen, sorgt dafür, dass sie sofort zu mir gebracht werden!"

"Wann ist mit dem Eintreffen des Erhabenen Mares zu rechnen?"

erkundigte sich Raan.

"Mares kommt nicht, es kränkt ihn, dass er vom Schrein nicht mehr akzeptiert wird."

Raan war über die Beiläufigkeit, mit der ihm Keliath diese ungeheuerliche Nachricht mitteilte, verblüfft.

"Der Erhabene Mares ist doch noch jung und seine Gaben sind stark", wandte der Beauftragte ein.

Keliath musterte ihn kühl und schien zu überlegen, ob er antworten sollte.

"Alle Informierten wurden vom Schrein unterrichtet, dass ihr Status erloschen ist. Wir erhalten nur noch einmal Zutritt, um eine letzte Anweisung zu empfangen", erklärte er schließlich und fuhr mit einem spöttischen Grinsen fort: "Mares fühlt sich von der Entscheidung des Immerwährenden Beschützers besonders gedemütigt und ist dem Ruf daher nicht gefolgt."

Nach diesen Worten ging Keliath zur Türe, öffnete diese und sah den Beauftragten auffordernd an.

"Kann ich Eurer Wissbegierde noch mit weiteren Auskünften dienen, oder habt Ihr nun Zeit, den Auftrag zu erfüllen, den ich Euch gab?"

Raan zog sich mit erschrockenem Gesichtsausdruck schleunigst zurück, um die Befehle des Mächtigen auszuführen.

 

*

 

"Keliath hat unsere Ankunft registriert", teilte Begron seinem Reisegefährten mit, der neben ihm auf einem Jahak ritt.

Machal, der zweitälteste der Informierten, nickte nur. Er wischte sich mit einem bunten Tuch den Schweiß von seinem aufgedunsenen Schädel und verfluchte die Hitze, die in Grat`Hala während dieser Jahreszeit herrschte.

Danach steckte er es mit seinen feisten Fingern wieder in eine Tasche seines prunkvollen Gewandes.

Machal wirkte wie ein gemütlicher alter Mann, doch der Schein trog: Wie kein anderer zuvor hatte er die Anordnungen der Informierten mit Gewalt durchgesetzt und war auch vor schauerlichen Anwendungen seiner Gaben nicht zurückgeschreckt.

"Erhabene, mein Name ist Kenal. Ich bin Privilegierter des Beauftragten Raan und wurde angewiesen, Euch auf die Festung zu geleiten", stellte sich ein Soldat vor, der die beiden Reisenden

kurz nach dem Stadttor erwartet hatte und die Uniform eines hochrangigen Offiziers des Reiches trug.

"Es ist sehr freundlich vom Beauftragten Raan, uns eine Eskorte zu schicken", lobte Begron mit Blick auf die bewaffnete Reiterstaffel, die sich hinter Kenal in Wartestellung befand.

"Ich bitte euch, Erhabene," wiegelte der Soldat ab, "wenn ihr uns folgen wollt?"

"Natürlich, reitet voran", brummte Machal und trieb seinen Jahak an. Das zottelige, rinderähnliche Tier schnaubte unwillig.

Als die Eskorte durch die Hauptstraße ritt, säumten Hunderte von Schaulustigen die Straßen, um die mächtigsten Männer des Landes Grenn zu sehen.

Der älteste der Informierten saß mit gesenktem Kopf und halbgeschlossenen Augen auf seinem Reittier. Es sah so aus, als sei er durch dessen gleichmäßig schaukelnden Gang eingenickt. Doch der Schein trog, Machal registrierte jede Kleinigkeit.

+Paß auf, Begron, da stimmt etwas nicht!+ teilte er seinem Begleiter in der lautlosen Sprache mit.

Dieser schaute nur kurz zu Machal hinüber und gab ihm so zu verstehen, dass er seine Gedanken aufgefangen hatte.

Im nächsten Moment rannte ein Dutzend vermummter Gestalten, die Begron als Angehörige der Messerwerfergilde des Zirkels erkannte, aus einer Seitenstraße.

Der Zirkel kämpfte schon seit Jahrhunderten gegen die Herrschaft der Informierten, hatte aber bisher noch keinen nennenswerten Erfolg verzeichnen können, außer den, dass es ihn trotz aller gegenteiliger Bemühungen der Erhabenen immer noch gab.

Das erste Messer durchschnitt pfeifend die Luft. Es wäre Machal durch die Kehle gefahren, hätte es seine Flugbahn beibehalten.

So aber wich etwa zwei Fuß vorher alle Energie aus dem kraftvollen Wurf und der geschliffene Stahl fiel klirrend zu Boden.

Im nächsten Moment ging ein wahrer Regen dieser tödlichen Werkzeuge auf die Informierten nieder, während die Eskorte von einem Pfeilhagel eingedeckt wurde.

"Da müssen mindestens zwanzig Bogenschützen des Zirkels auf dem Hausdach sein!" schrie Begron seinem Begleiter durch den Kampflärm zu und deutete auf ein Gebäude.

"Es wird keiner entkommen, verlass dich drauf!" presste Machal zwischen den Zähnen hervor und konzentrierte sich darauf, seinen Schutz aufrechtzuerhalten.

Eine kleine Gruppe der Eskorte, teilweise verwundet, bahnte sich einen Weg durch die Panik erfüllte Menge zu den Messerwerfern, die anscheinend einen unerschöpflichen Vorrat der handspannenlangen Mordinstrumente bei sich trugen.

Mit tödlicher Sicherheit fanden die Attentäter die ungeschützten Stellen am Körper der angreifenden Soldaten und jagten ihnen mit geschickten Würfen Messer in die Augen, in den Hals oder durch die unbehandschuhten Hände.

Doch durch den Gegenangriff der Eskorte bekamen die Informierten jene Entlastung, die sie benötigten, um zurückschlagen zu können.

"Komm, wir holen sie vom Dach!" forderte Machal Begron auf.

Im nächsten Moment spürten die Bogenschützen auf dem Dach des zweistöckigen Hauses den Druck des gemeinsamen Willens der beiden Mächtigen.

Im Umkreis von etwa einer halben Landmeile wälzten sich die `hala schreiend am Boden, da sie meinten, die Schädel würden ihnen bersten, als die Erhabenen mit machtvollen Gedankenbefehlen die Bogenschützen dazu zwangen, sich herabzustürzen.

Der Wille der Bewaffneten auf dem Dach war innerhalb einer Sekunde gebrochen, so dass sie losrannten und wie Hagelschlag auf die Straße fielen.

"So, jetzt seid  i h r  dran!" presste Machal zwischen den Zähnen hervor und konzentrierte mit aller Macht seine zerstörerischen Gaben auf die Messerwerfer.

Der Reihe nach zerplatzten mit lautem Knall die Köpfe der Vermummten, als wären sie unter Überdruck gestanden.

Der feiste Mann kannte keine Gnade, er ließ keinen der Attentäter am Leben.

Als alles vorbei war, herrschte ein unbeschreibliches Durcheinander, da die Schaulustigen in Panik geraten waren und schreiend vor Angst und Entsetzen durcheinander liefen.

Die reiterlosen Jahaks wurden zusehends nervöser. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie durchgehen würden.

In dicken Blutlachen lagen die meisten Angehörigen der Eskorte tot auf dem Pflaster der Hauptstraße. Einige wenige, die ihr Leben behalten hatten, wälzten sich röchelnd und stöhnend am Boden.

"Das wird mir der Zirkel büßen!" stieß Machal grimmig zwischen den Zähnen hervor. "Diesmal sind sie zu weit gegangen. Ich werde dafür sorgen, dass diese Brut ein für alle mal ausgemerzt wird!"

"Du vergisst, dass wir unseren Status als Informierte nicht mehr lange haben werden", stellte Begron nüchtern fest.

"Das ist mir egal, meine Gaben wird mir der Schrein nicht nehmen können. Wenn's sein muss, führe ich einen Privatkrieg gegen diese Seuche, die sich Zirkel nennt", schwor Machal.

"Das kannst du später machen, jetzt binden wir erst einmal die Jahaks an, bevor sie alles niedertrampeln und kümmern uns um die Verletzten."

Als sie an den Straßenrand ritten, bemerkten sie einen hoch gewachsenen, hageren Mann, der mit verschränkten Armen scheinbar unbeteiligt an einer Hauswand lehnte.

Machal beruhigte mit ein paar Guten Gedanken sein Reittier, das vor dem Fremden Angst zu haben schien und trieb es auf ihn zu.

Er trug einen Turban, wie er in Grat`Hala üblich war und war auch sonst wie ein Bürger dieser Stadt gekleidet.

Dennoch spürte der Informierte die unfassbare Andersartigkeit, die den Mann wie eine Aura umgab.

"Ihr scheint Euch nicht zu fürchten, wer seid Ihr?" fragte ihn Begron, der jetzt mit seinem Jahak neben Machal war.

Der Hagere antwortete nicht. Er musterte die beiden Reiter nur kalt.

+Ich kann seine Gedanken nicht erfassen+, teilte Machal dem anderen Mächtigen in der lautlosen Sprache mit.

+Ich auch nicht,+ antwortete Begron ihm auf die selbe Weise, +mit dem stimmt etwas nicht!+

Der älteste der Informierten nickte nur und versuchte nun, dem Fremden, der immer noch schwieg, seinen Willen aufzuzwingen.

Für einen Moment gelang es dem Erhabenen, einen Gedanken des Mannes zu erfassen, der sich offenbar auf ihn und Begron bezog.

Machal konnte dabei etwas spüren, was ihn zutiefst traf: Absolute Geringschätzigkeit.

Es war nicht so, dass dieser Kerl ihnen Hass oder Verachtung entgegenbrachte. Er schaute auf sie herab, wie auf ein niederes Insekt.

Nun griff der Fremde mit der linken Hand in eine Tasche seiner weißen Leinenjacke und holte einen seltsamen Gegenstand hervor.

Die beiden Mächtigen konnten die Bedrohung, die von dem Mann und jenem Ding in seiner Hand ausging, fast körperlich spüren.

Mit einer beiläufigen Geste streckte der Hagere den Arm aus und zeigte mit dem Gegenstand auf Machal.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte der Erhabene Angst.  

Er spürte, wie seine Hände zu zittern begannen und schaffte es nur mit Mühe und Not, einen Schutz um sich aufzubauen.

Im nächsten Moment gab das Ding in der Hand des Fremden ein kurzes, trockenes Geräusch von sich. Der Informierte spürte einen fürchterlichen Hieb, der ihn an der Brust traf und aus dem Sattel hob.

Noch während er vom Jahak fiel, hörte er das Geräusch ein zweites Mal und sah noch, wie Begron von seinem Jahak stürzte.

Ohne Hast drehte sich der Hagere um und ging fort.

Machal versuchte aufzustehen, doch es gelang ihm nicht. Er registrierte, dass aus einer etwa fingerdicken Wunde in seiner Brust ein stetiger Blutstrom drang.

Der Informierte versuchte sich zu entspannen und die Heilende Gabe einzusetzen. Durch sie spürte er, dass ein Teil eines Fremdkörpers in seiner Brust steckte. Der andere Teil war offenbar durch seinen Rücken ausgetreten.

So sehr sich der Erhabene auch bemühte, die Wunde wollten sich nicht schließen und das Blut floss weiterhin aus seinem Körper.

Mühsam kroch er zu Begron hin, der ebenfalls auf dem Boden lag.

"Ich kann mich nicht heilen, die Gabe versagt!"

Begron wollte ihm antworten, doch es wurde nur ein Gurgeln daraus, als sich ein Schwall Blut aus seinem Mund ergoss.

"Ich werde versuchen, Keliath zu Hilfe zu holen", keuchte Machal mit schmerzverzerrtem Gesicht und konzentrierte sich. Dabei stellte er fest, dass der Fremdkörper in seiner Brust seine Lebensenergie aufzusaugen schien wie ein Schwamm.

Als Keliath wenige Minuten später mit einer schwer bewaffneten Reiterschar eintraf, war Machal bereits tot.

"Was ist geschehen, wer hat so etwas fertig gebracht?" stieß Keliath hervor, als er sich über den Schwerverletzten beugte und verzweifelt versuchte, mit der Heilenden Kraft dessen Tod zu verhindern.

Begron, der trotz der großen Hitze am ganzen Körper zitterte, schien seine Umgebung kaum mehr wahrzunehmen.

"Die Heimsuchung steht bevor!" röchelte er. "Wir können sie nicht aufhalten, alle Gaben versagen."

Dann zog er Keliath, der sich über ihn beugte, mit letzter Kraft zu sich heran. Dieser brachte sein Ohr ganz nahe an den Mund des Sterbenden.

"Er war so furchtbar überlegen..." flüsterte Begron mit Tränen in den Augen.

Keliath spürte, dass der Fremdkörper in der Brust des zu Tode Getroffenen die Heilende Kraft blockierte. Deshalb entschloss er sich, dieses Ding zu entfernen, doch bevor er sich auf einen entsprechenden Wunsch konzentrierte konnte, war Begron bereits tot.

 

*

 

Eines der größten Mysterien dieser Welt sind die Alten Schriften der Großen Bibliothek in Grat`Hala. Ganze Passagen davon sind für uns Informierte nicht lesbar, obwohl alle Buchstaben und Worte mühelos zu entziffern sind.

Es ist, als hätte man die Wörter vorher schon wieder vergessen, wenn man das nächste liest, so dass man den Sinn des Satzes nie begreift...

Immerhin haben wir Informierte es noch besser als das gemeine Volk, dem die Bibliothek ebenfalls zugänglich ist. Ihm bleibt der Inhalt völlig verborgen, während sich uns nur einzelne Passagen verschließen.

Aber da sind noch jene Frauen, die sich Hohe Gesegnete nennen.

Sie sollen angeblich alles lesen können. Warum nur ist das so?

 

(Auszug aus den persönlichen Aufzeichnungen des Informierten Mares). 

 

*

 

"Ein Reiser namens Miller ersucht um ein Gespräch mit Euch, Erhabener."

Der Angesprochene schaute ungnädig von dem Buch auf, in das er sich schon seit mehrere Stunden vertieft hatte.

"Ich habe doch gesagt, dass ich nicht gestört werden will, oder drücke ich mich neuerdings nicht mehr klar aus, Vram?"

Hilflos sah der Erste Diener zu, wie sich der Informierte wieder dem Buch zuwandte.

"Ihr solltet Euch diesen Miller ansehen, er ist irgendwie..., nun sagen wir, außergewöhnlich!" wagte Vram einen neuen Anlauf.

Langsam erhob sich Mares von seinem Stuhl.

Er war der jüngste der Erhabenen und jener, der sich rühmen konnte, mit den Gaben am meisten gesegnet zu sein.

Mares' Äußeres entsprach dem eines Durchnittsbürgers seiner Residenzstadt Gren`Volat und sein Gesicht war so nichts sagend, dass man es sofort wieder vergaß.

Der Informierte machte keinen Pomp um seine Person und sein einziger Ehrgeiz bestand darin, seine Kenntnisse durch das Studium der Alten Schriften zu vervollkommnen.

"Was ist das für ein Name, M i l l e r ?"

"Ich habe einen solchen Namen auch noch nie gehört, Erhabener.

Er trägt die Kleidung eines Reisers, aber ich glaube ihm nicht, dass er einer ist."

"Lass ihn noch ein bisschen warten und führe ihn dann herein", entschied Mares schließlich, nun doch ein wenig neugierig geworden.

"Wie ihr meint, Erhabener!" säuselte der Erste Diener und verneigte sich noch etwas tiefer als sonst. Dann verließ er rückwärts gehend und sich mehrmals verbeugend erleichtert die Bibliothek.

Mares nahm wieder in seinem schweren Sessel Platz. Er war viel herumgereist und kannte alle wichtigen Städte des Kontinents.

Aus den Alten Schriften, die noch aus der Unerklärlichen Zeit stammten, wusste er, dass Senholzer, so wurde die Welt in diesen Aufzeichnungen genannt, nur über einen einzigen Kontinent verfügte, der etwa tausend Landmeilen vom Südpol entfernt war.

Der Rest der Welt bestand aus Wasser und vier Inseln. Doch nur die nächstgelegene hatten die `hala bisher erreicht, nämlich Setha, den Sitz des Schreines.

Vielen Seefahrern hatte die Suche nach den anderen drei Inseln, die es noch geben musste, schon das Leben gekostet.

Ihre Lage war den Informierten genau bekannt, da in den Schriften Karten von Senholzer waren.

Aus unbekannten Gründen hatte jedoch kein Schiff, das sich auf die Suche gemacht hatte, bisher sein Ziel erreicht. Manche waren auch nie mehr zurückgekehrt.

Mares glaubte die Ursache dafür zu kennen. Die drei Inseln lagen dicht beisammen in der Nähe des Nordpols. Der Informierte hatte in den Aufzeichnungen Hinweise gefunden, dass es in dieser Gegend starke Meeresströmungen, aber so gut wie nie Wind gab.

Offenbar wurden die Schiffe durch die Strömung auf einen bestimmten Kurs gezwungen und hatten mangels Wind nicht die Möglichkeit, diesen zu ändern.

"Erhabener, der Reiser Miller bittet darum, nun vorgelassen zu werden!"

Mares schreckte aus seinen Gedanken auf und verfluchte das uralte Privileg der Ersten Diener, nicht anklopfen zu müssen, wenn sie den Raum betraten.

"Also gut, führe ihn herein, damit ich es hinter mich bringe", meinte der Informierte ungnädig und lehnte sich seinem Sessel zurück.

Vram trat zur Seite und gab den Weg frei, offenbar hatte Miller unmittelbar hinter ihm gestanden. Mit Interesse musterte Mares den Mann.

"Ich danke Euch sehr, dass Ihr mich empfangt, Erhabener!"

Der Informierte horchte auf. Täuschte er sich, oder hatte er einen spöttischen Unterton aus den Worten seines Besuchers herausgehört?

"Nehmt Platz, Reiser." Mares wies auf einem Stuhl vor seinem Schreibtisch.

Der Fremde setzte sich und musterte sein Gegenüber ungeniert, ohne ein Wort zu sagen.

Obgleich dies eine Unverfrorenheit war, beschloss der Erhabene, nicht darauf zu reagieren und betrachtete seinerseits den Reiser.

Dieser war überdurchschnittlich groß, sehr schlank und hatte eine dunkle Hautfarbe, was den Schluss zuließ, dass er aus der Gegend von Fa`Senn kam, einer Hafenstadt im äußersten Norden von Grenn, wo es sehr heiß war.

Sein kahler Schädel deutete darauf hin, dass er an Hadnan litt, einer auszehrenden Krankheit, bei der die Kopfbehaarung gänzlich ausfiel.

Während sich Mares noch wunderte, wie gesund der Reiser trotz dieser schweren Erkrankung aussah, lehnte sich dieser bequem in seinem Stuhl zurück, legte beide Füße auf den Schreibtisch des Informierten und meinte spöttisch:

"Ihr denkt, ich habe Hadnan, nicht wahr? Nun, da kann ich Euch beruhigen, bei meinem Volk ist Haarausfall etwas völlig normales."

In diesem Moment wurde dem Erhabenen klar, dass Miller niemals das war, was er vorgab zu sein.

Keiner im Lande Grenn hätte es gewagt, sich gegenüber einem Informierten so respektlos zu benehmen. Zudem strahlte dieser Mann eine Fremdartigkeit aus, wie sie Mares noch niemals in seinem Leben begegnet war.

War dieses Individuum überhaupt ein `hala? In den Alten Schriften war mehrmals von der Existenz anderer Welten und fremder Rassen die Rede. Stammte Miller etwa nicht von Senholzer, sondern...?

All das schoß dem Mächtigen jetzt durch den Kopf, doch es gehörte zu Mares' starken Seiten, nie zu zeigen, was in ihm vorging. Er ließ sich seine Unsicherheit nicht anmerken und beschloß, das Verhalten des Fremden zu ignorieren, bis sich herausstellte, was dieser damit bezwecken wollte.

Ohne auf die Ausführungen seines Besuchers einzugehen, entgegnete der Mächtige scheinbar freundlich:

"Wie ich sehe, fühlt Ihr Euch wie zuhause, Reiser Miller. Vielleicht hättet Ihr trotzdem die Güte, Eure Füße von meinem Schreibtisch zu nehmen und mir nun endlich den Grund zu nennen, weshalb Ihr hier seid!"

Das selbstgefällige Grinsen auf Miller's Gesicht verschwand und machte gespielter Verwunderung Platz.

"Ich hätte eigentlich damit gerechnet, dass Ihr mich zur Strafe für mein unverschämten Auftreten in ein Insekt verwandelt, Erlauchter", spottete Miller und nahm seine Füße wieder vom Tisch.

"Was Euer Gehirn betrifft, müsste ich mich wohl dabei nicht allzu sehr anstrengen", konterte Mares und verzichtete darauf, sein Gegenüber darüber zu belehren, dass ein Informierter mit "Erhabener" oder "Mächtiger" anzusprechen sei.

"Nun, mein Benehmen hatte eigentlich den Grund, festzustellen, ob Ihr dazu überhaupt in der Lage wärt."

"Sagt was Ihr hier wollt und dann verschwindet, bevor ich mich mit dem Gedanken befasse, Euch so zu behandeln, wie es andere an meiner Stelle tun würden!"

"Also gut," sagte Miller und beugte sich vor, "ich will Auskünfte über den Schrein."                 

Mares blieb weiterhin beherrscht.

"Nichts leichter als das," entgegnete er süffisant. "Ihr braucht nur zu warten, bis Ihr den Status eines Informierten erhaltet, dann werdet Ihr alles über den Schrein erfahren."

"Soweit ich weiß, sind vor ein paar Stunden einige Plätze frei geworden", führte der Reiser genüsslich aus. "Machal und Begron sind nicht mehr am Leben, was aber kein großer Verlust für Grenn ist."

Jetzt war es dem Fremden gelungen, Mares aus der Fassung zu bringen.

Mit hochrotem Kopf sprang er von seinem Sessel auf und schlug mit der Faust krachend auf den Tisch.

"Ich bin wahrlich keiner, der wie andere Informierte als Halbgott behandelt werden will, aber ich habe mir von Euch jetzt genug Unverschämtheiten angehört!"

Außer sich vor Wut gab Mares einem Wunsch nach, der sein Gegenüber auf der Stelle töten musste, aber es passierte überhaupt nichts.

Als der Mächtige seine Gaben einsetzte, weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde seine Pupillen, bis die Iris und das Weiße nicht mehr zu erkennen waren.

Der Fremde namens Miller bemerkte es und zog den richtigen Schluss daraus.

"Siehst du, mein Freund, das meinte ich mit dem Insekt", erklärte der Kahlköpfige selbstgefällig, während er sich von seinem Stuhl erhob.

"Ich lasse dich jetzt allein, damit du in Ruhe über alles nachdenken kannst", fügte er in sanften Tonfall hinzu. "Aber morgen komme ich wieder. Dann wirst du mir einige Fragen über den Schrein beantworten. Sollte ich jedoch nichts von dir erfahren," der Reiser beugte sich jetzt drohend vor, "wirst du deinen leider viel zu früh verstorbenen Freunden Machal und Begron bald Gesellschaft leisten."

Der Erhabene saß wie versteinert hinter seinem Schreibtisch. Er zweifelte keinen Augenblick daran, dass der Fremde in der Lage war, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Das zeigte schon die beleidigende Anredeform, die er nun benutzte.

"Im übrigen", fügte der Reiser nach einem Blick auf ein seltsames Ding an seinem linken Handgelenk hinzu, "würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen, dass Keliath noch lange unter unter den Lebenden weilt...

Also dann bis morgen!" bekräftigte Miller noch mit einem freundlichen Lächeln und verließ das Zimmer.

Er ließ einen völlig verwirrten Mares zurück. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte der Mächtige die Erfahrung machen müssen, dass sich etwas völlig seiner Kontrolle entzog. Er hatte keinen Einfluss auf die Geschehnisse nehmen können. Das erfüllte ihn mit ohnmächtiger Wut, aber auch mit Furcht.

Als der Erste Diener hereinkam, natürlich ohne anzuklopfen, gelang es dem Mächtigen nicht, das Zittern seiner Hände zu verbergen und der Stimme einen festen Klang zu verleihen, als er Vram anwies, alles für eine sofortige Abreise nach Grat`Hala vorzubereiten.

 

*

 

Seit dem Tod von Machal und Begron waren zwei Tage vergangen.

Keliath hatte sich ein ziemlich genaues Bild von den Vorgängen, die zum Tod der Informierten geführt hatten, verschaffen können, da Begron ihm seine Gedanken geöffnet hatte, bevor er starb.

"Es ist alles fertig für Eure Abreise, Erhabener", drang die Stimme von Raan in die Gedanken des Mannes, der nachdenklich aus dem Fenster sah.

"Ist schon eine Antwort von Mares eingetroffen?"

"Nein, Erhabener, das ist auch nicht möglich, da der Bote ihn frühestens morgen erreicht!"

"Ihr habt recht, daran habe ich nicht mehr gedacht. Ich werde jetzt sofort den Schrein aufsuchen, sorgt dafür, dass Mares auch wirklich nachkommt.

Wenn nötig, schickt nochmals einen Boten. Er muss begreifen, wie wichtig es ist!"

"Natürlich, Erhabener, ich werde alles tun, was in meiner Macht steht!" versicherte der Beauftragte.

"Gut, ich habe keine Zeit mehr zu verlieren, helft mir in das Kettenhemd."

Raan ließ sich seine Verwunderung nicht anmerken, als er dem Mann, der mit seinem Geist einen Schutz um sich aufbauen konnte, der tausendmal wirksamer war als ein Kettenhemd, dabei behilflich war, das starre und schwere Eisengeflecht anzulegen.

"So, jetzt können wir gehen", erklärte Keliath zufrieden und begab sich in den Hof der Festung, wo sein Jahak gesattelt bereit stand.

Zusammen mit einer bewaffneten Eskorte von 50 Bogenschützen und Schwertkämpfern verließ der Mächtige Grat`Hala, um sich nach Setha zum Schrein zu begeben.

 

*

 

Fünf Tage später hatte die Gruppe ohne Zwischenfälle die Hafenstadt Fa`Senn erreicht.

Der Kapitän der Sadre begrüßte den Informierten ehrerbietig, als er an Bord kam.

"Wir können morgen früh auslaufen, Erhabener. Bis dahin wird die Sadre beladen und die Mannschaft vollständig sein."

"Ich weiß, dass Euch meine Nachricht erst gestern erreichte, Kapitän, trotzdem muss ich Euch bitten, Euer möglichstes zu tun, damit wir noch in dieser Nacht auslaufen können."

Der Seefahrer verzog das Gesicht als hätte er in eine sauere Frucht gebissen. 

"Es ist manchmal wahrlich kein Vergnügen, Kapitän auf Eurem Schiff zu sein, Erhabener!"

Keliath schätzte den Seemann zu sehr, um ihn wegen dieser Bemerkung zu tadeln. Es gab keinen fähigeren Navigator und Schiffskommandanten als ihn.

"Es ist wirklich wichtig, Tennar!"

Die Tatsache, dass ihn der Informierte mit dem Namen anredete, zeigte dem alten Seemann, dass etwas ungewöhnliches passiert sein musste.

"Ich habe verstanden, Erhabener!" bestätigte er, verneigte sich kurz und zog sich zurück.

Der Mächtige kannte den Seefahrer gut genug, um sicher zu sein, dass die Sadre noch heute Nacht auslaufen würde.

Fasziniert betrachtete Keliath einige Zeit später von seiner Kabine aus den Sonnenuntergang am Meer und dachte daran, wie gut es die Bewohner von Fa`Senn hatten, da sie dieses Naturschauspiel jeden Tag sehen konnten.

In Gedanken versunken gab er sich dem Anblick des glutroten Balles, der langsam im Ozean zu versinken schien, hin.

Als die Türe geöffnet wurde und jemand eintrat ohne anzuklopfen, zuckte der Erhabene zusammen.

Obwohl es Keliath's Gewohnheit war, mit den Fühlern seiner Gedanken immer seine unmittelbare Umgebung zu überwachen, hatte er nicht registriert, dass sich jemand seiner Kabine genähert hatte. Das beunruhigte ihn.

"Wer seid Ihr und was habt Ihr hier zu suchen?" fuhr er die zierliche, rothaarige Frau an, die eben die Türe schloss.

"Nun, wer bin ich wohl?" fragte die Besucherin mit aufreizendem Lächeln. Der Informierte war erleichtert, als er bemerkte, dass sie die Gewänder einer Fa`Sennischen Edelmetze trug.

Offenbar hatte sie gehört, dass er sich an Bord befand und witterte ein lukratives Geschäft, da es auch unter den Mächtigen üblich war, die Dienste dieser Gilde in Anspruch zu nehmen.

Seine Erleichterung währte jedoch nur kurz, da er spürte, dass die Frau von einer Aura unsagbarer Fremdartigkeit umgeben war.

Keliath wurde klar, dass das Weib die Kleidung einer teuren Hure nur gewählt hatte, um ohne Schwierigkeiten an den Posten vorbei auf das Schiff und in seine Kabine zu kommen.

Er konnte sich das verständnisvolle Grinsen der Wachen gut vorstellen, als die Rothaarige in Richtung seiner Unterkunft entschwunden war.

"Nun, jedenfalls seid Ihr nicht das, was Ihr vorgebt", stellte der Informierte zögernd fest, während sich seine Gedanken überschlugen.

"Steckt nicht in jeder Frau etwas von einer Metze?" philosophierte seine Besucherin mit kokettem Lächeln.

Keliath ließ sich davon nicht täuschen. Er konnte die Gefährlichkeit dieses Weibes spüren, als stände er einem Raubtier gegenüber.

"Ich habe Euch gefragt, was Ihr hier wollt!"

"Also gut, mein Süßer, du sollst es wissen. Ich begleite dich auf deiner Reise. Du wirst mich zum Schrein mitnehmen."

Wie sie das sagte, war es mehr eine Feststellung als eine Forderung. Sie schien die Möglichkeit, ihren Willen nicht durchsetzen zu können, gar nicht in Betracht zu ziehen.

"Ihr seid nicht nur völlig übergeschnappt, sondern auch unverschämt im Ton. Seid froh, dass ich Euch dafür nicht zur Rechenschaft ziehe. Und nun verschwindet!"

Bei diesen Worten öffnete Keliath bebend vor Wut die Türe und schaute das Weib auffordernd an.

Nachsichtig lächelnd holte die Fremde aus einem Lederbeutel, den sie bei sich trug, ein kleines, klobiges Ding heraus. Damit deutete sie auf einen Punkt neben Keliath.

Im selben Moment war ein kurzes, trockenes Geräusch zu hören und die Türe hatte in der Mitte ein Loch, durch das man bequem zwei Fingern stecken konnte.

Angesichts der Tatsache, dass die Türe aus Blockholz und drei Zoll dick war, konnte sich der Informierte gut vorstellen, was passieren würde, wenn diese Frau das Ding in ihrer Hand bei ihm anwendete.

Leichenblaß setze er sich in den Stuhl an seinem Schreibtisch.

"Also gut, wir wollen in aller Ruhe darüber reden", lenkte er ein.

"Jetzt wird er vernünftig, der Erhabene", spottete das Weib und lümmelte sich auf ein Sofa in der Ecke.

"Also, was wollt Ihr von mir?" fragte der Informierte.

"Ich sagte es schon, wir werden gemeinsam dem Immerwährenden Beschützer einen Besuch abstatten."

Keliath's Verstand arbeitete fieberhaft. Er war sich im klaren darüber, dass er mit allen Mitteln verhindern musste, dass dieses Weib den geheiligten Ort betrat. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus hatte der Mächtige Zweifel daran, dass der Schrein stark genug war, sie in ihre Schranken zu weisen.

Noch vor kurzer Zeit wären ihm solche Gedanken nie in den Sinn gekommen, denn der Immerwährende Beschützer galt als übermächtig und fast allwissend.

"Darf ich mich erkundigen, was Ihr vom Schrein wollt?"

Die Frau bedachte ihn mit einem nachsichtigen Blick, als wäre er ein kleiner Junge, der gerade eine sehr dumme Frage gestellt hatte.

"Das wirst du sehen, wenn wir dort sind", entgegnete sie arrogant.

Dann holte die Fremde eine kleine Glasphiole aus ihrem Lederbeutel hervor und öffnete diese, indem sie den oberen Teil abbrach. Den Inhalt schüttete sie in einen Becher, der am Tisch stand und mit Fomt, einem alkoholischen Getränk, gefüllt war.

"Trink!" wies das Weib Keliath an und deutete mit dem klobigen Ding in ihrer Hand auf den Becher.

"Was ist das?" erkundigte sich der Informierte, während er spürte, wie ihm die Angst die Kehle zuschnürte.

"Es bringt dich nicht um, ich habe nur nicht Lust, die ganze Zeit auf dich aufzupassen."

"Ein Schlafmittel also", stellte er fest.

"Ja, so etwas ähnliches, also jetzt runter damit!" befahl sie ungeduldig.

Keliath wusste, dass er jetzt handeln musste, weil er später keine Möglichkeit mehr dazu haben würde.

Mit aller Macht konzentrierte er sich und versuchte, mit einem Wunsch den Herzschlag der Frau anzuhalten, doch es gelang ihm nicht. Auch der Versuch, ihren Willen zu beeinflussen, schlug fehl. Das schlimmste daran war, dass sie seine Bemühungen nicht einmal zu registrieren schien.

"Meine Geduld ist bald erschöpft!" drohte sie.

"Wenn mir etwas zustößt, kommt Ihr nicht lebend vom Schiff, also seid vernünftig und lasst uns in Ruhe darüber reden!" versuchte der Informierte Zeit zu gewinnen.

Als Antwort darauf ertönte von dem klobigen Ding in ihrer Hand ein Klicken. Obwohl Keliath nicht wusste, was es zu bedeuten hatte, spürte er, dass sein Leben nun am seidenen Faden hing.

"Trink!"

Die Rothaarige presste das Wort voll unterdrückter Wut zwischen den Zähnen hervor. Keliath griff mit zitternder Hand zum Becher.

Dabei bemerkte er den Brieföffner bei den Schreibutensilien auf seinem Tisch.

Kalter Schweiß brach ihm aus, als er daran dachte, was passieren würde, wenn sein Versuch fehlschlug.

Er schloss die Augen, ließ einen Schluck aus dem Becher in seinen Mund rinnen und lenkte dann alle Kraft seines Wunsches in den Brieföffner.

Dieser schnellte vom Tisch weg, durchschnitt wie ein Wurfmesser die Luft, fuhr der Fremden von vorne in den Brustkorb und trat am Rücken wieder aus. Dann blieb das Ding mit einem knallenden Geräusch in der Türe stecken.

Im selben Moment spie der Informierte den Schluck, den er getrunken hatte, prustend auf den Boden.

Nun ging ein wahrer Hagel von Gegenständen auf die Rothaarige nieder.

Alles was in der Kabine nicht niet und nagelfest war, schleuderte Keliath mit der Kraft seines Geistes auf das Weib, um zu verhindern, dass sie dieses Ding doch noch gegen ihn einsetzte.

Ein besonders dickes Buch mit einem eisenbeschlagenen Einband lenkte der Informierte auf die Hand, in der die Fremde jenen Gegenstand hielt. Durch die Wucht des Aufpralls splitterten ihre Mittelhandknochen.

Zitternd stützte sich der Informierte am Schreibtisch ab, als er seine Kräfte verbraucht hatte.

Das Weib lag am Boden neben dem Sofa. Mit jedem Atemzug quoll ein Schwall dunkelroten Blutes aus ihrem Mund. Dennoch war sie bei Bewusstsein und sah ihn an.

"Ich sollte dich sofort töten, du Ausgeburt der Finsternis", stieß Keliath hervor und sah das Weib dabei hasserfüllt an.

"Aber du stirbst sowieso", fügte er dann in zufriedenem Tonfall hinzu und öffnete das Fenster der Kabine.

Mit einer letzten Anstrengung seines Geistes schleuderte er die tödliche Waffe der Fremden ins Wasser und ging nach oben, um Tennar zu informieren.

Dieser begleitete den Erhabenen sofort zu dessen Kabine.

Als Keliath die Türe öffnete, registrierte er zu seiner maßlosen Verblüffung, dass seine Besucherin scheinbar unverletzt vor ihm stand. Wäre ihre Kleidung nicht blutverschmiert gewesen, hätte der Mächtige an seinem Verstand gezweifelt.

"Wo ich herkomme sagt man, dass man den Tag nicht vor dem Abend loben soll", erklärte sie mit gefährlicher Ruhe und ging langsam auf die beiden zu.

Unvermittelt führte sie mit ihrem rechten Fuß einen mörderischen Schlag gegen die Schläfe des Informierten, der ihn fällte wie einen Baum.

Als Keliath wieder zu sich kam, lag er in einem Bett mit duftenden weißen Laken. Die Sonne schien ihm durch ein großes Fenster mitten ins Gesicht.

Widerwillig wandte er den Kopf zur Seite, um nicht länger geblendet zu werden und bemerkte dadurch, dass eine Heilerin mittleren Alters neben seinem Lager saß und ihn musterte.

Die Frau war von einer beeindruckenden Hässlichkeit. Der braune Teint der Bewohner von Fa`Senn war bei ihr besonders ausgeprägt, außerdem wies sie eine beträchtliche Leibesfülle auf und hatte ein lückenhaftes Gebiss.

"Ich sehe, es geht wieder aufwärts mit dir, Erhabener", sagte sie mit einer sonoren Stimme, die im krassen Gegensatz zu ihrem Aussehen stand.

"Wer seid Ihr?" fragte Keliath die Fettel.

"Ich bin Armaran, die Heilerin von Fa`Senn", stellte sie sich vor.

Keliath lauschte dem dunklen Timbre ihrer Stimme nach und fühlte sich plötzlich viel besser.

"Wo bin ich hier?" erkundigte er sich.

"Du bist in meinem Haus. Ich habe dich hierher bringen lassen, damit du die Pflege bekommst, die notwendig ist."

"Wie lange bin ich schon hier?"

"Fast drei Tage, Erhabener, es war nicht leicht, dein Leben zu retten. Bei Tennar haben meine Gaben versagt. Die Bestie hatte ihm mit einem Schlag den Kehlkopf zertrümmert und auch die Wachen an Bord der Sadre waren übel zugerichtet."

"Ist sie entkommen?"

"Sie ist spurlos verschwunden, Mächtiger, es tut mir leid, dass ich dir keine erfreulichere Auskunft geben kann."

Erst jetzt fiel dem Keliath auf, dass ihn die Heilerin duzte, was normalerweise nur einem anderen Informierten zustand.

Seltsamerweise empfand er keinen Zorn darüber, obwohl er zu jenen gehörte, die auf die Etikette großen Wert legten.

Im Gegenteil, ein Gefühl der Geborgenheit und Vertrautheit stellte sich ein und er wartete darauf, ihre Stimme wieder zu hören. Als sie nichts sagte, machte er den Anfang.

"Wie lange werde ich noch untätig hier liegen müssen?"

"Ich habe alle organischen Defekte beseitigt, aber in dir sitzt noch ein tiefer Schock und nackte Angst erfüllt dein Denken.

Es wird wohl noch einige Zeit dauern, bis du wieder zu dir gefunden hast."

Armaran hatte dem Informierten Wahrheiten gesagt, die er sich normalerweise nicht ohne wütende Reaktion angehört hätte, da er ein sehr ausgeprägtes Selbstwertgefühl besaß.

Bei ihr jedoch machte es ihm seltsamerweise nichts aus.

Er spürte, wie ein Damm in ihm brach. Er erzählte der Heilerin alles von dem Moment an, als die Fremde seine Kabine betreten hatte.

Mehrmals brach er in Tränen aus, als die Erinnerung wieder lebendig wurde, aber danach fühlte er sich erleichtert und nicht mehr so verängstigt.

"Es ist gut, Erhabener, ich glaube, du kannst morgen früh wieder deiner Wege gehen. Jetzt schlaf noch ein bisschen!"

Keliath fühlte, wie er müde wurde. Während ihm langsam die Augen zufielen, betrachtete er die Heilerin, fühlte ihre Stimme in seinem Kopf nachklingen und fand Armaran mit einem Mal sogar ein wenig attraktiv.

 

*

 

Mit steinerner Miene hörte sich Mares den Bericht von Keliath's Boten an. Dieser war zunächst nach Gren`Volat, der Residenzstadt des Informierten geritten und hatte dort erfahren, dass Mares unterwegs nach Grat`Hala war.

Ohne sein Jahak zu schonen, war ihm der Bote sofort nachgeritten und hatte ihn in der Mitte der Strecke zwischen den beiden Städten eingeholt.

"Ihr müsst sofort nach Fa`Senn reiten und mit dem Erhabenen Keliath den Schrein aufsuchen!" schloss er seinen Bericht.

Erst jetzt merkte der Bote, dass er es gewagt hatte, einem Informierten Anweisungen zu erteilen.

Der Bote senkte den Kopf und stammelte: "Vergebt mir meine Anmaßung, Erhabener." Mit einer knappen Geste gab Mares zu verstehen, dass er dies nicht übel genommen hatte.

"Wir schlagen sofort den Weg nach Fa`Senn ein", wies er den Führer seiner Eskorte an.

"Erhabener, wir haben nicht genug Proviant für diese Reise mitgenommen, wir sollten zuerst nach Gren`Volat zurückkehren."

"Dazu ist keine Zeit mehr, tut was ich Euch gesagt habe, Eskortenführer!"

"Natürlich Erhabener!" stimmte der Eskortenführer, erschrocken über den barschen Tonfall, den er von Mares nicht gewohnt war, zu.

Der Informierte wandte sich wieder an den Boten.

"Nehmt Euch einen ausgeruhten Jahak und reitet voraus nach

Fa`Senn. Bestellt Keliath, dass ich unterwegs bin und sagt ihm, ich werde versuchen, bis morgen Abend dort zu sein."

"Wie wollt Ihr das schaffen, Erhabener? Ich muss mein Jahak zu schanden reiten, wenn ich morgen vor Einbruch der Dunkelheit in der Hafenstadt sein will. Ihr seid mit der Eskorte und den voll bepackten Lastenjahaks nicht einmal halb so schnell."

"Tut, was ich Euch aufgetragen habe, Keliath wird wissen, wie es gemeint ist und seine Vorbereitungen treffen."

Obwohl der Bote nicht wusste, was Mares meinte, senkte er in der Geste der Zustimmung den Kopf und machte sich daran, einen ausgeruhten Jahak satteln.

"Hört zu, Eskortenführer, wir müssen so schnell wie möglich etwa 60 Landmeilen vor Fa`Senn gelangen. Den Rest der Strecke lege ich dann alleine zurück", bestimmte der Mächtige.

Der Soldat wagte nicht, zu widersprechen und gab die Anweisung weiter.

Am Spätnachmittag des darauf folgenden Tages hatten sie ihr Ziel erreicht. Sie waren die ganze Nacht durchgeritten, ohne sich eine Rast zu gönnen. Die Männer waren müde und erschöpft, doch keiner wagte zu murren.

Allein wäre Mares mindestens doppelt so schnell vorangekommen, zumal die Jahaks in der Herde nicht zu einer schnelleren Gangart als zum Schritt zu bewegen waren.

Es war eine Eigenart dieser Tiere, dass man sie nur dann zu einem hohen Tempo antreiben konnte, wenn sie von der Herde getrennt wurden.

"Ab hier werde ich alleine weiter reiten, Eskortenführer, Ihr könnt nach Gren`Volat zurückkehren."

Der Soldat zögerte. Man merkte ihm an, wie gerne er dem Informierten ausgeredet hätte, alleine weiter zureiten.

Ein Blick in dessen Gesicht riet ihm aber davon ab, diesbezüglich einen Versuch zu unternehmen.

"Ist noch etwas?" erkundigte sich Mares kühl.

"Nein, Erhabener, wir werden sofort umkehren, wie Ihr es für richtig haltet."

Mit einer kurzen Geste bekundete der Soldat seine Ergebenheit,

dann machte er sich mit seinen Männern auf den Rückweg.

Mares wartete, bis sie außer Sichtweite war, band dann seinen Jahak los und gab ihm einen Klaps auf das Hinterteil.

Aufgrund der großen Verbundenheit dieser Tiergattung mit der Herde rannte der Jahak sofort im Höchsttempo der Eskorte nach.

Alle Versuche, derartiges durch Zucht und andere Maßnahmen zu unterbinden, waren bisher fehlgeschlagen. Die meisten Jahaks waren ohnehin nicht einmal mit Schlägen dazu zu bewegen, die Herde zu verlassen.

Der Informierte sah seinem Reittier kurz nach, dann schloss er die Augen und sammelte sich.

Die Gabe der Ortsversetzung war sehr selten. Mares verfügte über sie. Die einzige Person außer ihm, von der er gehört hatte, dass sie diese Fähigkeit auch besessen hatte, war eine Heilerin namens Denara aus Da`Landre gewesen.

Alles in ihm sträubte sich dagegen, diese Gabe anzuwenden, noch dazu über diese große Entfernung, doch er wusste, dass es notwendig war.

Er spürte die Aura von Keliath im 60 Landmeilen entfernten Fa`Senn und nahm sie als Wegweiser.

Dann bündelte er seine Konzentration und sammelte sie wie Wasser in einer Schale.

+Jetzt!+

Mit diesem einem Gedanken verlieh er der Gabe die Macht es zu vollbringen. Sein Körper wurde innerhalb eines Augenblicks zu einer dichten schwarzen Staubwolke mit menschlichen Umrissen, die dann explosionsartig auseinanderstrebte und verschwand.

Zur selben Zeit war Keliath in der Hafenstadt gerade dabei, sich anzukleiden. Vor wenigen Minuten hatte er den Boten von Mares empfangen und konnte sich denken, auf welche Weise der jüngere der noch lebenden Mächtigen zu ihm kommen würde.

Keliath brauchte nicht lange zu warten.

Das Zimmer war einige Augenblicke von einem dunklen, konturlosen Nebel erfüllt, der sich rasend schnell zusammenzog und zu Mares wurde.

Dieser tat noch einige unsichere Schritte und fiel dann schreiend zu Boden. Der Mächtige war nackt und bis auf die Knochen abgemagert.

Obwohl selbst noch schwach auf den Beinen, kniete sich Keliath hin und legte seine rechte Hand auf die Stirn des sich vor Schmerzen Krümmenden. Mit seiner Heilenden Kraft betäubte der Mächtige Mares' Pein.

"Ich hatte fast vergessen, wie weh es tut!"

"Es hätte dich umbringen können", meinte Keliath vorwurfsvoll.

Mühsam versuchte der Nackte sich aufzurichten, doch es gelang ihm nicht.

"Ich komme nicht hoch", stöhnte er und seine glasigen Augen, in denen alle Äderchen geplatzt waren, zeigten, dass er noch nicht ganz bei sich war.

"Ich weiß jemanden, der kann dir besser helfen als ich."

Keliath konzentrierte sich und sandte einen Gedanken zu Armaran.

"Du musst ihn so schnell wie möglich auf die Beine bringen, Heilerin", wies der Informierte sie an, als sie kurz darauf das Zimmer betrat.

"Was ist mit ihm, hat er ein Fasten Gelübde abgelegt?" erkundigte sich die Heilerin mit ihrer sonoren Stimme flapsig und rang damit sogar dem völlig ausgemergelten Mares ein schiefes Grinsen ab.

"Sagen wir mal, es ist die schnellste Methode, abzunehmen", krächzte er.

Seltsamerweise schien Armaran genau zu wissen, worauf sein Zustand zurückzuführen war.

"Ich glaube nicht, dass du dir damit Zeit gespart hast, Erhabener. Was du durch die Ortsversetzung herausgeholt hast, wird dir durch die notwendige Bettruhe wieder verloren gehen", prophezeite sie ihm, doch Mares hörte es nicht mehr, da er das Bewusstsein verloren hatte.

"Die Bettruhe kann er an Bord der Sadre haben, wenn wir zum Schrein unterwegs sind. Es ist wichtig, dass du ihn so schnell wie möglich halbwegs auf die Beine bringst", drängte Keliath die Heilerin.

"Zwei Invaliden auf dem Weg zum Immerwährenden Beschützer um die `hala zu retten. Ich sehe goldene Zeiten auf uns zukommen!" spottete Armaran und ignorierte den missbilligenden Blick des Informierten.

"Nun geh!" wies sie ihn dann an. "Ich brauche keine Zuschauer bei meiner Arbeit."

Für einen Moment schien es so, als würde der Erhabene wütend werden, aber dann lächelte er nur und meinte: "Dein Wunsch ist mir Befehl, Kräuterhexe, aber in einer Stunde will ich Mares an Bord sehen."

"Du hast ihn in einer halben Stunde, aber jetzt lass' mich allein mit ihm!"

Keliath nickte kurz und verließ das Zimmer.

"Es wird wohl notwendig sein...", murmelte sie, schloss die Augen und streckte ihre rechte Hand über den im Bett liegenden abgezehrten Körper des Informierten aus.

Langsam fing Armaran's Haut an, goldgelb zu schimmern, als wäre Honig aus ihren Poren getreten.

Nach einer Weile rann von ihren Fingerspitzen zähflüssig ein goldener Strom auf die entblößte Brust des Informierten. Die von der Heilerin abgegebene Lebensenergie drang, ohne Spuren zu hinterlassen, in den Körper des Geschwächten ein.

Nach etwa drei Minuten war es vorbei. Armaran lehnte sich seufzend zurück.

Sie hatte dunkle Ringe unter den Augen und schien um Jahre gealtert.

"Hoffentlich war es das wert", sagte sie zu sich selbst und gab Mares einen Klaps auf die Backe, da sie zu schwach war, ihn mit einem Wunsch zu Bewusstsein zu bringen.

Der Informierte öffnete die Augen und brauchte nur kurze Zeit um wieder klar denken zu können.

Nachdenklich musterte er die Frau.

"Ich wusste nicht, dass das geht", brachte er nach längerem Schweigen hervor und bewies damit, dass er erkannt hatte, welcher Behandlung er seine rasche Genesung zu verdanken hatte.

"Ihr nennt euch Informierte und wisst doch vieles nicht," entgegnete Armaran müde, "denn in Wahrheit seid ihr nur Gaukler im Vergleich zu jener Hohen Gesegneten, die mich vor langer Zeit im Gebrauch meiner Gaben unterwies."

Verständnislos starrte Mares die Heilerin an.

"Eine Hohe Gesegnete hat dich unterwiesen? Sage mir ihren Namen!"

"Der ist nicht wichtig, Erhabener. Diejenige, die ich meine, ist sicher schon lange nicht mehr am Leben, obwohl ich ihr zutrauen würde, selbst den Tod zu überlisten. Doch nun geh, Keliath wartet auf dich an Bord der Sadre um die Welt zu retten."

Bei diesen Worten lächelte sie leicht. Mares hatte den Eindruck, dass sich die Heilerin schon etwas erholt hatte.

Als er aufstand und Armaran eben das Zimmer verlassen wollte, wandte er sich nochmals an sie.

"Sage es mir, wer war diese Hohe Gesegnete?"

Die Frau musterte den Mächtigen und schien zu überlegen ob sie ihm antworten sollte.

"S